Ick krieg die Krise
Die Berliner SchülerInnen, die Weltwirtschaft und der ganze Rest
Erschienen in der ersten Ausgabe von “Klassen-Kampf” (März 2009) auf Seite 1.
Die Krise ist da und die Kacke dampft. Im Lande macht sich eine ausgeprägte Krisenstimmung breit. Vormals fröhliche und lebenslustige Investmentbanker werden plötzlich depressiv, der Kokainmarkt bricht ein, Politiker bekommen angesichts der aktuellen Wirtschaftsdaten die blanke Panik und schnüren ein milliardenschweres Konjunkturpaket nach dem anderen, Milliardäre werfen sich verzweifelt vor Züge, Banken brechen zusammen wie Kartenhäuser, der deutsche Aktienindex macht seit Monaten Tauchkurse und alle starren gebannt auf die angeschlagene Autoindustrie, das Kernstück unserer schönen Exportwirtschaft
Aber wer oder was ist eigentlich diese „Krise“? Und was hat das ganze für Auswirkungen auf uns Schülerinnen und Schüler? Und warum machen sich alle so große Sorgen um die Wirtschaft? Droht etwa der Weltuntergang? Oder etwa schlimmeres?
Am besten lassen wir am Anfang den ganzen Quatsch mit der Weltwirtschaft, dem Immobilienmarkt, Investmentbanken und der Autoproduktion erst mal links liegen und fangen dort an wo wir gezwungener Massen einen großen Teil unsere Jugend verbringen müssen. In einem meist baufälligen Gebäude, in dem ein paar schlecht bezahlte und überalterte Arbeitskräfte vom Staat damit beauftragt worden sind, Tausende Jugendliche zu fleißigen ArbeiterInnen und braven Bürgern zu machen. Wir sprechen natürlich von unser heißgeliebten Schule.
Viele der SchülerInnen schieben nämlich auch Krise. Aber nicht erst seit letzten Sommer. Sondern schon seit Jahren. Sie schieben Krise wegen der miesen Lernbedingungen, die großen Klassen, die vielen Hausaufgaben, die baufälligen Gebäude, das frühe Aufstehen, das Büchergeld, die vielen Prüfungen, den autoritären und langweiligen Unterricht, die lebensfernen Inhalte und den Leistungsdruck. Zwar scheint allen in diesem Land klar zu sein, das unser Bildungssystem total beschissen und obendrein chronisch unterfinanziert ist. SchülerInnen und Schüler wurden trotzdem damit abgespeist, dass man da halt „durch“ müsse. Es sei ja schließlich kein Geld da. Und nicht nur das. In den letzten Jahren wurden die Gelder für Schulen und Jugendeinrichtungen auch noch massiv gekürzt.
Jetzt wird vielleicht demnächst ein bisschen Geld für neue Schulen locker gemacht. Aber nicht weil die SchülerInnen Krise schieben. Sondern weil die Wirtschaft Krise schiebt. Das Geld vermehrt sich auf einmal nicht mehr von „Zauberhand“. Die Profite der privaten Wirtschaft schrumpfen seit Monaten zusammen.
Die sind jedoch leider die Grundlage unseres Gesellschaftssystems. Es geht auf der otoWelt immer darum aus einem Geschäft möglich viel Geld zu machen. Das machen nicht nur „böse gierige Manager“ so, sondern alle. Ansonsten wären sie Blöd oder zumindest ziemlich schnell arm. Bei dem meisten Sachen die Menschen herstellen (ob Pfannkuchen, Playstations oder MP3-Player) geht es nicht darum, dass andere daran Spass haben, sondern dass es Gewinn bringt
Das läuft ungefähr so. Jemand kauft Schrauben, Mikrochips und den Arbeiter Dieter um MP3-Player zu bauen. Er gibt 1 Euro für Schrauben, 1 für Mikrochips und 2 für Dieter aus. So kostet ihn der MP3-Player 4 Euro. Verkaufen tut er ihn dann für 10 Euro. Davon gibt er noch 2 Euro dem Staat, damit er Schulen unterhalten und die armen Leute mit Sozialleistungen am Leben halten kann. Die anderen 4 Euro behält er. Und wird immer reicher. So funktioniert unsere Wirtschaft. Doof ist es nun natürlich, wenn er irgendwann nicht mehr genug an den MP3-Playern verdient. Dann hört er einfach auf die herzustellen. Egal ob Leute die wollen oder nicht. Wenn das Geld nicht stimmt, wird die Produktion eingestellt. Dann wird Dieter arbeitslos und der Staat kriegt keine Steuern mehr um Dieter Stütze zu zahlen. Dann gerät die Maschine ins Stocken. Dann ist Krise.
Um zu verhindern das es dazu kommt, müssen die Firmen sich immer neue Pläne aussdenken um Geld zu verdienen, wenn mit Mp3-Playern nicht mehr genug zu verdienen ist. Nicht weil sie fies sind, sondern weil sie sonst auf dem Markt keine Chance hätten. Irgendwelche Banken sind dann irgendwann auf die doofe Idee gekommen Schulden als bares Geld zu verkaufen und darauf zu „spekulieren“ das die schon irgendwie bezahlt werden. Das hat dann halt nicht geklappt. Und nun bricht das gesamte Schneeballsystem, genannt Weltwirtschaft zusammen. Die Folgen sind nicht nur deprimierte Investmentmanager sondern Millionen Arbeitslose und wenn wir Pech haben auch eine Inflation, das heißt Geldentwertung (fragt mal Oma).
Um dem entgegenzusteuern gibt der Staat jetzt einen Haufen Geld aus und macht riesige Schulden um Banken, Autokonzernen und anderen Unternehmen zu helfen. Und er wird auch Milliarden in Straßen, Bushaltestellen und eben Schulen stecken. Um Arbeitsplätze zu schaffen und die Baubranche zu beleben. Wir SchülerInnen spielen in deren Rechnung erst mal keine Rolle. Dass wir nicht mehr in baufälligen Baracken lernen müssen ist nur eine positive Nebenwirkung. Aber bald werden wir die Zeche zu zahlen haben. Spätestens nach dem Wahlkampf wird es heißen, dass Deutschland so starke Anstrengungen unternommen hat, um die Wirtschaft vor dem Untergang zu retten, dass wir nun alle unser Opfer bringen müssen und den Gürtel noch enger schnallen müssen. Wetten?
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