Lernen was man will

Demokratische Schulen als Alternative zur Lernfabrik

Erschienen in der ersten Ausgabe von “Klassen-Kampf” (März 2009) auf Seite 3.

An herkömmlichen Schulen wird den Kindern und Jugendlichen größtenteils vorgeschrieben, was sie wann wie zu lernen und haben. Mitbestimmung gibt es faktisch fast gar nicht. Weltweit einige Dutzend Demokratischen Schulen z.B. in den USA, Israel, Großbritannien oder den Niederlanden beweisen, dass es auch ganz anders geht. In Deutschland gibt es seit wenigen Jahren auch einzelne Demokratische Schulen in Leipzig, Freiburg und Berlin.

Lernfreiheit:
In einer Demokratischen Schule ist die Achtung der Grundrechte der Schüler oberstes Gebot. Dazu gehören neben der Meinungsfreiheit die freie Entfaltung der Persönlichkeit und die allgemeine Handlungsfreiheit. Das heißt, Schüler jeden Alters können im wesentlichen tun und lassen, was sie wollen, solange sie damit nicht die Rechte der anderen Schulmitglieder verletzen. Welche Dinge die Schüler lernen, ist allein ihre freie Entscheidung.
Die Grundannahme ist, dass Menschen von Natur aus neugierig sind und lernen wollen. Aber das heißt nicht, dass sie gerade das lernen wollen, was im staatlichen Lehrplan steht, oder zumindest nicht in einer vorgegebenen Reihenfolge und Geschwindigkeit.

Unterricht:
Der Stellenwert von Unterricht und Lehrplänen ist sehr unterschiedlich. In einigen Schulen wird Unterricht gemäß des staatlichen Lehrplans angeboten, aber die Schüler entscheiden selbst, ob sie diesen Unterricht besuchen. In vielen dieser Schulen werden außer diesen herkömmlichen Inhalten weitere angeboten. Die Initiative dazu kann von Schülern oder Lehrern ausgehen. In einigen Schulen wird das Unterrichtsangebot vor Beginn des Schuljahres durch ein Komitee aus Schülern und Lehrern gemeinsam aufgestellt. In Sudbury-Schulen gibt es Unterrichtskurse nur auf Initiative von Schülern.
Ein Großteil des Lernens an Demokratischen Schulen ist informell und findet daher außerhalb von Unterrichtskursen statt.

Lernmotivation:
Kinder wollen die Welt, die sie umgibt, begreifen. Was auch immer Menschen lernen – am effektivsten lernen sie, wenn ihnen das zu Lernende bedeutend erscheint. Dinge, die sie nicht interessieren, vergessen sie schnell wieder. Entscheidend für erfolgreiches und langanhaltendes Lernen ist eine eigene Motivation. Sie beschleunigt das Lernen erheblich: sobald jemand sich entschlossen hat, eine Sache zu lernen, benötigt er dafür oft nur einen Bruchteil der in herkömmlichen Schulen üblichen Zeit.
Es macht wenig Sinn, alles Mögliche auf Vorrat zu lernen. Bei der riesigen und immer größer werdenden Menge an verfügbarem Wissen wäre das auch gar nicht möglich. Man kann Dinge dann lernen, wenn absehbar ist, dass man sie braucht.

Lesen lernen:
Grundfertigkeiten wie Lesen und Schreiben werden – zurecht – überall in der Gesellschaft für so wichtig gehalten, weil sie aus dem Lebensalltag kaum wegzudenken sind. Doch gerade deshalb sind auch Kinder z.B. ständig mit Geschriebenem konfrontiert: Wenn man als junger, neugieriger Mensch überall Zeichen sieht, die für einen wie Unsinn aussehen, die aber jeder um einen herum versteht – würde man es dann nicht auch können wollen? Schließlich kann man dann Comics, Hinweisschilderund Bücher selbst lesen und ist weniger abhängig von anderen.
Der Wunsch, lesen zu können, tritt aber nicht bei jedem Menschen mit genau 6 Jahren auf, sondern bei manchen vielleicht erst mit 9 oder 10 Jahren. Aber sobald Kinder von sich aus Lesen und Schreiben gelernt haben, merkt man ihnen nicht an, in welchem Alter sie es gelernt haben.

Altersmischung:
An Demokratischen Schulen gibt es keine starre Einteilung der Schüler in Klassen oder Klassenstufen, da die Schüler sich zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrem Leben mit bestimmten Inhalten befassen. Schüler finden sich aufgrund eines gemeinsamen Interesses an einer Sache zusammen – und nicht, weil sie das gleiche Alter haben. So können Schüler unterschiedlichen Alters von und miteinander lernen. Oft ist es für Schüler leichter, von wenig älteren Schülern zu lernen, die ihnen zwar auf dem konkreten Gebiet ein ganzes Stück voraus sind, aber in anderen Gebieten mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben wie sie selbst. Gleichzeitig profitiert auch der erfahrenere Schüler, indem er beim Erklären herausfindet, inwieweit er es selbst schon verstanden hat.

Mitarbeiter:
Die Erwachsenen heißen an vielen Demokratischen Schulen nicht „Lehrer“, sondern „Mitarbeiter“, weil das Lehren nicht unbedingt im Mittelpunkt steht. Mitarbeiter sind eher Lernbegleiter und Ansprechpartner für die Schüler. Sie stehen nicht über den Schülern, sondern auf einer Ebene.
unerwünschte Bewertung: Zensuren, Zeugnisse und andere vom Schüler nicht selbst eingeforderte Bewertungen gibt es an Demokratischen Schulen meist nicht. In vielen Demokratischen Schulen ist es jedoch möglich, an den zentralen staatlichen Abschlussprüfungen teilzunehmen. Die Erfahrung zeigt, dass das den Schülern nicht sonderlich schwer fällt.

Schulversammlung:
Das zweite herausragende Merkmal Demokratischer Schulen sind demokratische Strukturen: Es gibt eine wöchentliche Schulversammlung, in der jeder Schüler und Mitarbeiter eine gleichwertige Stimme hat. Da es an allen Schulen deutlich mehr Schüler als Mitarbeiter gibt, sind die Schüler meist in der Mehrheit.
Die Schulversammlung entscheidet in erster Linie über die Regeln, die an der Schule gelten sowie über organisatorische Alltagsfragen. An einigen Schulen entscheidet die Schulversammlung auch darüber, welche Mitarbeiter neu eingestellt oder ggf. auch wieder entlassen werden.

Durchsetzung der Regeln:
Für Beschwerden über Regelverletzungen, z.B. die Verletzung der Rechte des Einzelnen, kann man sich in den meisten Demokratischen Schulen an ein Rechtskomitee wenden. Dieses arbeitet nach rechtsstaatlichen Prinzipien, beachtet also u.a. dem Grundsatz, dass man für eine Handlung nur belangt werden kann, wenn man sie entweder selbst einräumt oder sie tatsächlich nachgewiesen worden ist. In manchen Schulen gibt es neben dem Rechtskomitee Mediationsverfahren zur Schreitschlichtung.
In Demokratischen Schulen wird das Erleben von Freiheit und Demokratie unmittelbar in der Gegenwart erlebbar.

KrätZa

1 Responses to “”


  1. 1 Klassen-Kampf #1 fertig! | schulstreik-berlin.de
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