Blechen für Bildung

Studiengebühren, Bologna und die Umstrukturierung der Universitäten

Erschienen in der ersten Ausgabe von “Klassen-Kampf” (März 2009) auf Seite 5.

Seit über zehn Jahren findet an Fachhochschulen und Universitäten ein massiver Umbauprozess statt. Dieser betrifft nicht nur die Hochschulen der Bundesrepublik. Es handelt sich um ein europäisches Projekt. Der Name „Bologna-Prozess“ geht dabei auf eine Erklärung zurück, die von den BildungsministerInnen der europäischen Staaten 1999 abgegeben wurde.
Hinter blumigen Lippenbekenntnissen zu einem „Europa des Wissens“ verbirgt sich allerdings ein knallhartes neoliberales Umstrukturierungsprojekt, mit dem das Bildungssystem weiter den Bedürfnissen der Wirtschaft angepasst werden soll.
Der vor zehn Jahren eingeleitete Reformprozess bescherte uns ein Studienmodell aus gestaffelten Bachelor- und Masterabschlüssen, durch die Internationalisierung und Flexibilisierung endlich Realität werden sollten. Es ist ganz klar, in welche Richtung diese Entwicklung geht: Die Hochschulen werden an der Marktlogik ausgerichtet und verändern sich dabei zu Dienstleistungsunternehmen. Studierende leiden zunehmend unter Konkurrenzdruck, Zukunftsangst und Überforderung. Überfüllte Studienpläne, Prüfungswahn sowie mangelndes Verständnis für die soziale Situation von Studierenden machen die Forderung nach einer demokratischen Gesellschaft zu einer Farce.
Dabei ist schon vollkommen klar, dass die „Reformen“ gescheitert sind. Der Mainzer Theologe Marius Reiser räumt aufgrund der Zumutungen des Bologna-Prozesses zum Ende des Wintersemesters gar seinen Lehrstuhl und urteilt, dass „die Universitäten sang- und klanglos ihrer Selbstauflösung entgegenarbeiten.“ Währenddessen lässt sich Dieter Lenzen, Präsident der FU, völlig ungeniert von der Financial Times Deutschland und dem wirtschaftsnahen Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmannstiftung zum „Hochschulmanager des Jahres“ küren und zeigt damit, wo seine Loyalitäten liegen.
Die wenigen und knapper werdenden Ressourcen werden von zunehmend selbstherrlich agierenden Uni-Präsidien in die Ausarbeitung von Kontrollinstrumente gesteckt. Das bewusstlose Vor-sich-hin-reformieren in allen Bereichen täuscht dabei darüber hinweg, dass die eigentlichen Probleme wie z.B. das miserable Betreuungsverhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden, nicht angegangen werden.
Die Berliner Universitäten sind trotz aller Rhetorik von „Exzellenz“ seit Jahrzehnten chronisch unterfinanziert: 100.000 Studierenden stehen derzeit 78.000 ausfinanzierte Studienplätze gegenüber. Die Studierenden bezahlen das Kaputtgespare der Politik mit deutlichen Einschränkungen bei den Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb des Studiums. Statt eigene Schwerpunkte setzen zu können, werden in „modularisierten Studiengängen“ vorbestimmte Inhalte wiedergekäut. Auch der Wechsel ins Ausland ist – entgegen der erklärten Zielsetzungen des Bologna-Prozesses – deutlich verkompliziert worden. Gegenwärtig ist sogar unklar, ob ein Umzug innerhalb Deutschlands möglich ist. Die vielen Prüfungen machen das Studieren für viele komplett unmöglich. Eine große Studie zum Thema an der Humboldt-Uni ergab: „kaum eines der Ziele der Studienreformen [wurde] erreicht. Weder sehen die Studierenden ihr Studium als flexibel genug an, noch vertrauen sie auf die Berufsqualifikation des Bachelor. [...] Die Zugangsbeschränkung zum Master wird als Bedrohung bezüglich der eigenen Zukunft wahrgenommen. Mangelnde Betreuung, hoher Arbeitsaufwand und sehr starre Studienverlaufspläne erschweren insbesondere Studierenden, die auf Erwerbsarbeit angewiesen sind, Kinder haben oder chronisch krank sind, das Studium. Die soziale Lage der Studierenden droht mehr als zuvor über den individuellen Studienerfolg zu entscheiden. Diese Befunde sind [...] struktureller Natur.“
Neben dem Bologna-Prozess sind die in vielen Bundesländern bereits eingeführten Studiengebühren eine der Hauptursachen dafür, dass die Universitäten mehr und mehr zu Orten werden, an denen sich die gesellschaftliche Elite aus sich selbst rekrutiert. Nicht ohne Grund beginnen 83% der Akademiker-Kinder ein Studium während die Zahl bei Kindern von Nichtakademikern bei 23 liegt. Nach dem selektiven mehrgliedrigen Schulsystem setzt sich das Aussieben an den Universitäten ungebremst fort. Denn die Gebühren von meist etwa 500 Euro pro Semester kann nur zahlen, wer ein finanzstarkes Elternhaus im Rücken hat, vor allem weil aufgrund der Stoffverdichtung kaum noch Zeit zum jobben ist.
Dieser Angriff auf die (relative) Autonomie des Studiums erfolgt in einer Zeit, in der auch ein Uni-Abschluss keine Garantie auf einen festen Job mehr verspricht. AbsolventInnen hangeln sich von Praktikum zu Praktikum, von Projektstelle zu Projektstelle und kann sich dabei von sämtlichen sozialen Sicherheiten verabschieden, die für frühere Generationen selbstverständlich waren.
Mit der zunehmenden sozialen Ausgrenzung und der Verweigerung gesellschaftlicher Teilhabe wachsen aber auch Protest- und Widerstandsbewegungen in ganz Europa: In Italien befinden sich derzeit Universitäten im Streik, die gemeinsam mit Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Gruppen gegen die Zusammenstreichung und Privatisierung des Bildungssystems durch die faschistoide Berlusconi-Regierung Widerstand leisten. Die Zeit ist gekommen, auch hier der neoliberalen Spar- und Umverteilungspolitik offensiv entgegenzutreten und für gesellschaftliche Veränderung zu kämpfen.

Arbeitskreis Hochschulpolitik an der HU Berlin

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