Schule und freie Marktwirtschaft
Warum Politik und Wirtschaft eine ganz andere “Schulreform” wollen als wir
Erschienen in der ersten Ausgabe von “Klassen-Kampf” (März 2009) auf Seite 2.
Wie dir vielleicht schon aufgefallen ist, wird in letzter Zeit ziemlich viel von der Bildung und ihrem Notstand geredet. In Zeitungen und Diskussionsrunden wurde die „Krise“ des Schulsystems ausgerufen. Es ging um Rütli-SchülerInnen, steigende Jugendkriminalität, versaute PISA-Studien, Fachkräftemangel und vor allem immer wieder um Deutschlands drohenden Untergang. Der Grund für diese ganze Panikmache bist du! Denn nach Meinung von Politik und Medien reißt du dir nicht genügend den Arsch auf, um dich in der internationalen Konkurrenz als qualifizierte Arbeitskraft durchzusetzen. Weil du und deine FreundInnen die ganze Zeit nur rumgammeln, ficken und kiffen, statt für die Schule zu lernen, geht der Wirtschaftsstandort Deutschland den Bach runter. So eine Scheiße aber auch. Und die Chinesen übernehmen dann die Weltherrschaft. Um das zu verhindern, hat sich die Kanzlerin im Oktober letzten Jahres dem Thema „Bildung“ persönlich verschrieben und macht sich seitdem fleißig Gedanken darüber, warum die Lernfabrik Schule nicht mehr genügend verwertbare Arbeitskräfte ausspuckt.
Die Tatsache, dass sich die Kanzlerin ind ihr Berater solche Sorgen um deine Bildung machen bedeutet für dich nichts Gutes. Was sie an den Zuständen im Bildungssystem kritisieren, ist nicht, was uns an der Schule stört. Um zu verstehen, warum das so ist, wollen wir uns mit dem eigentlichen Sinn und Zweck einer staatlichen Institution namens „Schule“ und ihrer Entstehungsgeschichte befassen.
Vor langer, langer Zeit, da lebten die Menschen auf dem Dorf und schufteten für die Könige. Was sie wissen mussten, zum Beispiel, wann und wie die Ernte einzufahren ist, bekamen sie von ihren Eltern beigebracht. Dann jedoch erfand jemand die Dampfmaschine und die sogenannte „Industrialisierung“ begann. Die BäuerInnen jedenfalls konnten sich mit ihren kleinen Bauernhöfen nicht mehr über Wasser halten und zogen zu Hunderttausenden in die Stadt.
Sie alle hatten nichts mehr. Keine Hühner, Kühe, Schafe und auch kein Land mehr. Alles was sie noch besaßen waren ihre eigenen Körper. Um überleben zu können, mussten sie also ihren Körper für eine gewisse Zeit verkaufen, zum Beispiel an eine der vielen Fabriken die zu dieser Zeit in den Städten wie Pilze aus den Boden schossen. Das wird Arbeit genannt.
Die vielen Kinder der neuen Arbeiter arbeiteten entweder auch in den Fabriken oder hingen auf der Strasse rum und machten allerlei Unsinn. Das wurde dem Staat mit der Zeit zu bunt. Zum einen, weil die Kids mit der Zeit ziemlich ungehorsam und unkontrollierbar wurden und für den Militärdienst nicht mehr zu gebrauchen waren. Zum anderen reichte es in der Fabrik nicht mehr aus, nur Stahlträger schleppen zu können. Der technische Fortschritt machte es nötig auch Lesen zu können. Der Staat musste also dringend was unternehmen, ansonsten wären seine Kinder zu unerzogen zum Krieg führen und zu dumm zum Maschinen bedienen gewesen. Und mit einem unerzogenen und faulen Nachwuchs würde es mit den Weltmachtsambitionen des deutschen Kaisers ziemlich schlecht aussehen. Also Verbot der Staat die Kinderarbeit und das rumgammeln und führte die allgemeine Schulpflicht ein, mit der alle Kinder gezwungen werden, eine gewisse Zeit in der Schule rumzuhängen.
Ganz oben auf dem Lehrplan standen „Tugenden“ wie Pünktlichkeit, Ordnung, Fleiß und Disziplin. Es ging nicht darum, den Kinder bei der „Entfaltung ihrer Persönlichkeit“ zu helfen, sondern lediglich darum, möglichst fleißige ArbeiterInnen zu produzieren, die ihr Vaterland und den Kaiser lieben und nicht soviel meckern.
Zwar hat sich seitdem das eine oder andere geändert, der Kaiser hat abgedankt und Demokratie und Chancengleichheit wurden ausgerufen. Die Prügelstrafe wurde abgeschafft und es geht in der Schule allgemein humaner zu. Aber im Kern geht es immer noch um dasselbe. Denn Schule ist auch in der heutigen Gesellschaft nicht dazu da, den SchülerInnen eine möglichst allumfassende Bildung und die Möglichkeit zur eigenen Meinungs- und Persönlichkeitsentwicklung zu geben. Auch wenn PolitikerInnen etwas anderes behaupten, die „Lösungen“ und „Verbesserungen“, die sie aus dem katastrophalen Abschneiden Deutschlands in der PISA-Studie gezogen haben, sollen nicht dem/der einzelnen SchülerIn dienen, sondern vor allem Bedürfnissen und Wünschen der Wirtschaft nachkommen: Der Fachkräftemangel muss behoben werden, das „Vaterland“ muss international wettbewerbsfähig bleiben und dem technologischen Fortschritt angepasst werden. Viele Lehrstellensuchende sind laut Wirtschaftsverbänden „zu dumm“ für die angebotenen Ausbildungsplätze. Die Gründe, weshalb zur Zeit über Reformen diskutiert wird sind dieselben, die auch schon vor über 200 Jahren zur Durchsetzung der Allgemeinen Schulpflicht im Deutschen Reich geführt haben, nämlich das zukünftige Deutschland für den internationalen Wettbewerb fit zu machen.
Wir halten also fest: Es geht in der Schule nie darum dir irgendwas beizubringen was dich interessiert, sondern lediglich darum dich so zurechtzubiegen, dass du für die Wirtschaft optimal verwertbar bist. Und genau deshalb musst du jeden Tag so früh aufstehen. Scheiße wa?
Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin [arab]
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