Wir sind mehr als Zahlen!
Lernen können wir auch ohne Noten und Prüfungen!

Dieser Artikel erschien in der zweiten Ausgabe der Zeitung “Klassen-Kampf” (Mai 2009) auf Seite 2.

Eine unerwartete schlechte Note kann einem ganz schön den Tag versauen. Nach einer Klassenarbeit nach Hause zu gehen und auf seine Note zu warten, ist ähnlich dumm. Und gerade diejenigen, die gute Noten bekommen, freuen sich nicht wirklich über sie. Wieso quälen wir uns dann Tag für Tag mit Zensuren rum?

Die wenigsten Schüler und Schülerinnen können sich einen Schulalltag ohne Prüfungen und Noten vorstellen. Viele denken, sie brauchen die Zensuren als Rückmeldung über ihren Lernfortschritt - irgendwie muss man doch belohnt oder bestraft werden. Manche meinen, unter Notendruck lerne sich sowieso viel besser! Außerdem: Wie sollen denn die Arbeitgeber sonst später herausfinden, wer zu was taugt - so ganz ohne Schulnoten? Müssen wir nicht in objektive Leistungsklassen eingeteilt werden? Und war es nicht schon immer so, dass Schule und Noten untrennbar miteinander verbunden waren? Das ganze Leben ist doch ein beständiger Wettkampf um Geld, Anerkennung und Punkte! Wollen die Lehrenden und Schulpolitiker nicht unser Bestes, wenn sie uns mit Noten auf dieses harte Leben vorbereiten?

Doch so nobel die Absichten der Zensurenverfechter sein mögen, Noten sind Zwang. Sie sind Selbstbetrug und Offenbarungseid: „Das, womit wir euch quälen, ist zu uninteressant und unwichtig, als dass es euch um seiner selbst Willen interessierten könnte. Wir müssen euch mit Noten zu eurem Glück zwingen.“ Aber man kann nicht zu seinem Glück gezwungen werden. Bildung muss freiwillig angenommen werden. Unter Notendruck paukt man sich vielleicht einmal etwas für einen Test oder eine Klausur rein oder schreibt eine Hausaufgabe ab. Echtes Interesse können Zensuren nicht ersetzen. Wenn uns etwas absolut nichts gibt, helfen uns auch die Noten nicht dabei, es zu lernen. Sie treiben uns nur dazu, so zu tun, als hätten wir etwas gelernt.

Überhaupt haben Noten sehr häufig eine Komponente von „so tun, als ob“: Zum Beispiel schreiben wir Leserbriefe als Hausaufgabe so, als ob wir wirklich auf einen Artikel reagieren wollten. Wir schreiben Klausurtexte so, als ob ihn irgendjemand außer der Lehrerin lesen würde. Und wir sollen Bilder malen, als ob wir etwas bestimmtes ausdrücken wollten. Gelegentlich kommt es vor, dass wir in der Schule etwas machen müssen, was uns wirklich interessiert. Aber gerade dann würden wir uns auch ohne Noten freiwillig und gerne damit beschäftigen. Im Gegenteil kann einem Prüfungsdruck die eigentlich vorhandene Freude an einem Thema rauben. Gerade schlechte Noten wirken häufig eher demotivierend, als dass sie uns zum besseren Lernen antreiben.

Viele Schülerinnen und Schüler kommen einfach nicht mit Prüfungen klar, selbst wenn sie auf einem Gebiet sicher sind. Andere hingegen können sich kaum dazu motivieren, im Unterricht dem Lehrer in den Arsch zu kriechen, nur weil er sie mit Noten unter Druck setzen kann. Solche persönlichen Konflikte schlagen sich dann auch schnell in den Zensuren nieder: Dass Lehrende nur Menschen sind und ihre Lieblinge haben, ist nichts neues. In diesem Kontext gibt es übrigens auch viele Lehrerinnen und Lehrer, die wenig Lust haben, ihre Schüler und Schülerinnen zu bewerten. Denn sie finden, dass sie als Menschen keine anderen Menschen bewerten und auf Zahlen reduzieren sollten. Soll die Wirtschaft eben anders den Wert ihrer Arbeitskräfte ermitteln lassen!

Nur wie könnte es ohne Zensuren laufen? Zumindest die Rückmeldung zwischen Lehrenden und Lernenden kann problemlos auch ohne sie erfolgen. Und Anerkennung von Mitschülern und Lehrern ist sogar ehrlicher und wertvoller, wenn sie nicht auf Zahlen heruntergebrochen wird. Auch ohne Zeugnisse hält man danach etwas in Händen – möglicherweise sogar mehr: Arbeiten und Projekte, Erfahrungen und Wissen. Es spricht auch nichts dagegen, dass sich Menschen innerhalb einer Schule bescheinigen, wenn sie sich gemeinsam mit einem Thema beschäftigt haben. So könnte im Laufe einer Schullaufbahn dann ein Heft mit den besuchten Kursen und bearbeiteten Projekten entstehen, anstatt einer lahmen Zeugnismappe voller Zahlen.

In unserer Vision bringt Schule (genau so auch Hochschule) Menschen allen Alters zusammen: Menschen die lehren wollen, mit Menschen, die lernen wollen. Und zwar nicht, damit die einen die anderen bewerten und kategorisieren, sondern damit alle Beteiligten dabei neues Wissen gewinnen.
Wir wollen, dass Schule getrieben wird von der Begeisterung der Lehrenden und dem Interesse der Lernenden. Noten stehen dieser besseren Schule im Wege. Doch bis wir Zensuren los sind, lasst euch das Leben nicht von ihnen versauen: Sie sind nur Ziffern auf Papier. Sie haben für euer Leben nur so viel Bedeutung, wie ihr ihnen beimesst. Lernt, was ihr wirklich lernen wollt!

Von: Thomas Wilt

1 Responses to “”


  1. 1 Artikel von Klassen-Kampf #2 | schulstreik-berlin.de
Comments are currently closed.