Zum Amoklauf von Winnenden
Die Schule ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems
Dieser Artikel erschien in der zweiten Ausgabe der Zeitung “Klassen-Kampf” (Mai 2009) auf Seite 5.
Als anlässlich des Amoklaufs von Winnenden von Lehrerverbänden eine „Gefahrenzulage für Lehrkräfte“ gefordert wurde, hat das in gewisser Hinsicht den Nagel auf den Kopfgetroffen. Offensichtlich gibt es auch hierzulande immer wieder Schüler, die die Schule als eine Art „Schlachtfeld“ erleben , an dem Lehrkräfte sie so drangsalieren, dass sie glatt an Gegenwehr oder Rache denken. Man muss auch gar nicht viel geistigen Aufwand betreiben, um an der Schule Seiten festzuhalten, die Schüler derart „frustrieren“, dass sie immer mal wieder „ungerechten“, autoritären Lehrern, aber auch rücksichtslosen Mitschülern mindestens im Geiste Rache androhen.
Nehmen wir den ganz normalen Unterricht, in dem das Lernen als permanente Bewährungsprobe für die Schüler inszeniert ist, auf die sie sich mit allerlei „Tricks“ einstellenJeder Schüler weiß, dass er sich möglichst nicht bei Lerndefiziten oder nicht verstandenen Themen ertappen lassen darf, obwohl diese Probleme nichts als das Produkt des Unterrichts sind. Folglich muss er seine Wissenslücken und Unkenntnis vertuschen und ganz bei sich behalten. Er weiß, dass ihre Offenlegung nicht dazu führt, dass der Lehrer die offenen Fragen ruhig und verständlich erklärt, sondern dass die Unwissenheit Bestrafung durch schlechte Noten nach sich ziehen kann. Und da das Lernen in der Schule als Konkurrenz um gute Noten, um gute Zeugnisse organisiert ist, bekommt auch die „Klassenkameradschaft“ nicht selten merkwürdige Züge. Permanent wird das Abschneiden von Mitschülern misstrauisch begutachtet und beobachtet ob auch mit “gerecht“ benotet und mit einem Maßstab gemessen worden ist. Die gute Note, die man selbst verfehlt hat, gönnt man schon mal den anderen nicht; besonders, wenn man meint, dass sie ungerechtfertigter Weise erworben worden ist und der Lehrer gemäß seiner Vorurteile oder Vorlieben den Rotstift angesetzt hat. Der Übergang zur Missgunst darf nicht fehlen. Da sperren sich Schüler gegen das Abschreiben, weil die gute Note des Mitschülers die eigene relativiert oder werden gute Schüler als „Streber“ verunglimpft. Warum das so ist und in der Lernkonkurrenz so sein muss, liegt auch auf der Hand: An der Schulleistungskonkurrenz hängt eben einiges. Sie soll – wie jede andere Konkurrenz auch – immer viele Verlierer und weniger Sieger hervorbringen, folglich jene größere Gruppe von Schülern ermitteln, denen der Weg auf das Gymnasium versperrt oder erschwert wird.
Was hat das alles mit den Amokläufen der letzten Jahre zu tun? Einiges: Zunächst einmal bestärkt das die These, dass es wohl kein Zufall sein wird, wenn alle Amokläufer hierzulande eine bzw. ihre Schule aufsuchen und dort ein Blutbad an Schülern und Lehrern anrichten. Weder haben diese Jugendlichen in der Fußgängerzone, noch bei einer Sportveranstaltung oder im Kaufhaus um sich geballert. Sie haben ganz bewusst diesen Tatort gewählt und die dort arbeitenden Schüler und Lehrer, oftmals ohne sie zu kennen, als Repräsentanten einer Institution umgebracht, in der sie viele Jahre ihres jungen Lebens verbracht haben und die folglich mehr oder weniger zu ihrer Welt geworden ist. In der werden sie wohl einige, sie schwer verletzende Angriffe auf ihre Persönlichkeit erfahren haben. Das muss man ernst nehmen und sollte es nicht als rein subjektive Deutung eines kranken Verstandes abbuchen, die mit der Wirklichkeit der Schule nichts zu tun hat – wie dies vielfach geschieht. Was ist denn die wirkliche Schule? Sie ist zum einen der Ort der Lernkonkurrenz, in dem Lehrer über zukünftige Lebenschancen junger Menschen befinden; und auf die satteln heute Schüler zum anderen ganz selbsttätig eine Konkurrenz um Anerkennung drauf, in der sich manche Schüler mehr anstrengen als in der Lernkonkurrenz – nicht selten, weil sie mit der ohnehin schon als aussichtslos abgehakt haben. In der Anerkennungskonkurrenz führen sie sich so auf, wie es ihnen in der Schulleistungskonkurrenz verwehrt ist, nämlich als die Herren der Konkurrenz. Alle rohen Formen der Angeberei und des Mobbing – geschlechtsspezifisch sortiert – stehen dabei hoch im Kurs. Da wird geklaut und erpresst, geschlagen und ausgegrenzt, werden Schulen demoliert und Mutproben der brutalsten Art abverlangt.
Zum Tragen kommt dabei, was Kids in der Schule, in der Familie oder bei „Deutschland sucht den Superstar“ gelernt haben, nämlich dass der Mensch ohne Selbstbewusstsein nichts ist, dass man mit einer Portion Selbstbewusstsein die Zumutungen von Schule, Familie und Straße besser aushält; übrigens ist das Selbstbewusstsein nur deswegen zum Erziehungsziel erklärt worden. Kein Wunder, dass viele Schüler nur noch „total cool“ herumlaufen und sich aufführen, als seinen sie höchst persönlich ein „Superstar“, wenn nicht der „Deutschlands“, dann doch wenigstens der Superstar der Schule oder der Klasse. Der Anerkennungswahn, der sich hier austobt, ist ein Produkt von falsch verarbeiteten Konkurrenzerfahrungen, das inzwischen auch das Privatleben kleiner und großer Leuten jeden Geschlechts massiv besetzt hatSo ist eine vernünftige Bilanzierung ihrer tatsächlichen Lebensumstände als Schüler oder Lehrling nur allzu oft überlagert von der Frage, wie viel Beifall man für neue Klamotten, geschwollenen Bizeps, Sexual- und Saufleistungen, nebst Frech- und Rohheiten aller Art von eben solchen Mitmenschen erhält, die denselben anerzogenen und inzwischen durchgesetzten geistigen Wahnvorstellungen anhängen. Wenn zudem heute Schüler mit 9 oder 10 Jahren ihre Schulhefte auf Lehrergeheiß mit dem Spruch „Ich bin wertvoll!“ zieren, dann darf man sich endgültig nicht wundern, dass dabei der eine oder andere Robert S. oder Tim K. herauskommt. Denn wo in Schule, Familie und Umfeld vermehrt Erfahrungen gemacht werden, die diesen Spruch gerade nicht mit Material unterfüttern, wenn Niederlagen dieser oder jener Art sich vielmehr zu erheblichem Frust verdichten, wenn das eingebildete Recht auf Anerkennung nicht bedient wird, dann taugt so ein Spruch eben nicht nur für die erwünschten Anpassungsleistungen, sondern lässt sich ebenso in die selbstzerstörerische Frage: „Bin ich wirklich wertvoll?“, wie auch in den fremdzerstörerischen Beschluss: „Denen werde ich es zeigen, dass ich wertvoll bin!“, umsetzen. Es schließt eben die radikalisierte Sorge um jenes Selbstbewusstsein, das sich nur in Idealbildern von sich selbst herumtreibt, in seinen beiden brutalsten Verlaufsformen ein: die Tötung und die Selbsttötung.
Die Amokläufer sind also keine defekten Monster, die ihre Mordgelüste eine Zeit lang hinter der Fassade des „unauffälligen, ruhigen Jungen“ verstecken. Es handelt sich vielmehr um aus dem Ruder gelaufene brave Lehrlinge eines öffentlichen Lehrplans, mit dem sie in Schule und Gesellschaft von Kindesbeinen an traktiert werden.
Von: Prof. Dr. Freerk Huisken
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