Berlin, den 13.11.2008
An:
Die Studierenden, Beschäftigten und BesucherInnen der
Humboldt-Universität Berlin
Die Mitglieder und den Vorstand von Aktives Museum Faschismus und Widerstand e.V.
Offener Brief der SchülerInnen-Initiative „Bildungsblockaden einreißen!“ bezüglich der Beschädigung der Ausstellung „Verraten und Verkauft. Jüdische Unternehmen in Berlin 1933-1945“ in der HU am 12.11.2008
Sehr geehrte Damen und Herren,
Die Situation an Schulen ist schlecht. Und sie wird schlechter. Seit einiger Zeit gibt es eine wachsende Protestbewegung in Berlin und mittlerweile auch zahlreichen anderen Städten. Die berliner SchülerInnen-Initiative „Bildungsblockaden einreißen!“ fordert neben der Rücknahme von zahlreichen Sparmaßnahmen zu Lasten der Schülerinnen und Schüler, wie z.B. dem Abitur in 12 Jahren, den Klassengrößen von oft über 30 Schülern, eine gerechte Bildung für alle, die sich an den individuellen Bedürfnissen und Interessen der Schülerinnen und Schüler orientiert. Konkret verlangen wir die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems, die Wiederherstellung der Lernmittelfreiheit und eine individuelle Bildung. Diese grundsätzlichen Positionen beziehen sich natürlich auch auf Hochschulen, weshalb wir Studiengebühren jeglicher Art ablehnen und ausreichend Studienplätze fordern.
Um diese und weitere Forderungen lautstark kund zu tun und die Bildungsmisere gesellschaftlich zu thematisieren sind vergangenen Mittwoch über 100.000 Schülerinnen und Schüler bundesweit auf der Straße gewesen.
Bei der Demonstration in Berlin kam es während der Zwischenkundgebung zu Zwischenfällen, bei denen einige wenige SchülerInnen eine Ausstellung im Eingangsbereich der Humboldt-Universität mit dem Titel „Verraten und Verkauft. Jüdische Unternehmen in Berlin 1933-1945“ beschädigten.
Es gehört zu den selbstverständlichen Grundsätzen der SchülerInnen-Initiative „Bildungsblockaden einreißen!“, dass wir Toleranz gegenüber Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen, anderer oder ohne Religionszugehörigkeit, anderen Meinungen, anderen ethnischen Zugehörigkeiten und anderen Herkunftsländern für einen der wichtigsten Werte menschlichen Zusammenlebens halten. Homophobie, Xenophobie, Rassismus oder Antisemitismus sind damit absolut unvereinbar.
Auch deswegen unterstützen wir alle Informationsangebote, die die Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des NS-Regimes thematisieren. Auch deswegen verurteilen wir die Beschädigung der Ausstellung ausdrücklich.
An der Demonstration in Berlin nahmen, unseren Schätzungen nach, etwa 10.000 SchülerInnen teil. Unseren Informationen zufolge handelte es sich bei den Beschädigungen auf die Ausstellung jedoch nicht um gezielte Taten, sondern um die Folge einer über lange Zeit aufgestaute Wut bei SchülerInnen, von denen einige – ohne über die Form oder das Ziel ihrer Aggression nachzudenken – ihre Wut an den Plakaten ausgelassen haben.
Unserer Meinung nach ist das auf keinen Fall eine Entschuldigung für die Vorkommnisse.
Wir möchten der Humboldt-Universität und dem Verein Aktives Museum Faschismus und Widerstand e.V. hiermit ausdrücklich anbieten, einen Beitrag beim Wiederaufbau der Ausstellung zu leisten oder anderweitig den entstandenen Schaden wieder gutzumachen.
Wir möchten nach wie vor zusammen mit den Studierenden und Beschäftigten an Hochschulen in die Diskussion über die derzeitigen Entwicklungen in der Bildungspolitik, da unserer Meinung nach an den Hochschulen sehr ähnliche Probleme wie im sonstigen Bildungssektor vorhanden sind. Diese Probleme möchten wir zusammen mit allen anderen Beteiligten an Schulen und Hochschulen thematisieren und bekämpfen.
Mit freundlichen Grüßen
SchülerInnen-Initiative „Bildungsblockaden einreißen!“