Monthly Archive for März, 2009

Kurz vorm Ausrasten

Die Jugendrevolte in Griechenland im Dezember 2008

Erschienen in der ersten Ausgabe von “Klassen-Kampf” (März 2009) auf Seite 2.

Im Dezember kam es in Griechenland zu einem Jugendaufstand nachdem ein 15jähriger Schüler von einem Polizisten ermordet worden ist. Es waren die stärksten Unruhen seit 25 Jahren. Das linksalternative Athener Stadtviertel Exarchia war diversen Meldungen zufolge Mitte Dezember komplett frei von Polizeieinheiten. Aber was ist eigentlich passiert. Und wie kam es dazu?
Die Nachrichten sind sehr unterschiedlich. Die griechische Polizei selbst behauptet, ein Querschläger habe den 15jährigen Alexandros Grigoropoulos in die Brust getroffen, nachdem „30 Autonome“ einen Polizeiwagen angegriffen hätten. Von drei Schüssen, die ein Polizist abgegeben hätte, seien zwei auf den Boden abgegeben worden, von denen einer den Jungen in die Brust getroffen hätte. Eine sehr fragwürdige Geschichte.
Deutlich glaubhafter erscheinen hier die Augenzeugenberichte, die von „kaltblütigem Mord“ sprechen. Nachdem die Jugendlichen aus einer Bar kamen, haben sie die Polizisten „verarscht“ und eine Plastikflasche auf ihren Wagen geworfen. Zwei Minuten nachdem die Situation vorbei war, kamen die Cops zurück; einer der Beiden wirft eine Blitzgranate und der Andere erschießt Alexandros mit einem Treffer in die Brust. Ob er nun einen oder alle drei Kugeln auf den Jungen schoss, das wird hierbei völlig irrelevant.
Rasend schnell breitete sich die Nachricht nicht nur in Athen, sondern in ganz Griechenland aus, und kurz darauf kam es zu den ersten Unruhen, die sich auch auf diverse Inseln des Landes ausbreiteten (Korfu und Kreta, z.B.). Die Wut der Jugend in Griechenland über die miserable ökonomische Situation, unter der sie besonders zu leiden hat – die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 25%! –, kanalisierte sich durch diesen Vorfall mit der Wut gegen den Staat und die Polizeigewalt.
In ganz Griechenland wurden Polizeistationen angegriffen. PolizistInnen wurden verletzt und viele Polizeifahrzeuge zerstört. Aber nicht nur die Staatsgewalt wurde Ziel der Ausschreitungen, sondern auch Symbole des Reichtums, zu dem viele Jugendliche niemals Zugang haben werden. Seit dem Vorfall brennen jede Nacht neue (Nobel-)Läden, (Luxus-)Autos, Banken und Barrikaden. Die Polizei, setzt massiv Tränengas ein, was aber kaum Wirkung auf die Protestierenden hat. Und nachdem die Deeskalationstaktik keinen Erfolg hatte, scheint die Regierung langsam auf hartes Durchgreifen zu setzen. Die Polizei wird mit Steinen und Brandsätzen beworfen und offensiv angegriffen. Auch im Ausland gab es Solidaritätsproteste, etwa Besetzungen von griechischen Konsulaten in Berlin oder London.
Die Jugendrevolte in Griechenland, aber auch die Bildungs- und Jugendproteste in Frankreich, Italien und der BRD in den letzen Monaten sind Folge können als erster Vorzeichen einer europäischen Jugendrevolte gegen Perspektivlosigkeit und Bildungsabbau verstanden werden. Sie sind eine Folge der wachsenden Perspektivlosigkeit unter Jugendlichen.
Basierend auf einem Text von www.revolution.de.com

Thor Steinar

Nicht einfach nur eine Modemarke…

Erschienen in der ersten Ausgabe von “Klassen-Kampf” (März 2009) auf Seite 4.

Wieder einmal läufst du von der Schule nach Hause, bist genervt und frustriert, da du erneut 6 Stunden deines sowieso viel zu kurzen Tages verschenkt hast. Eigentlich willst du nur so schnell wie möglich nach Hause, dein Schulzeug in die Ecke schmeißen und dann endlich dein Ding durchziehen. Doch während du an der Ampel stehst fällt dir da dieser Typ auf. Eigentlich wirkt er eher wie der nette Nachbar, aber dennoch irritiert dich irgendetwas an ihm. Er scheint etwa 25 zu sein, trägt eine lässige schwarze Hose und eine sportliche weiße Jacke mit einem ziemlich coolen Aufdruck und einer Norwegenflagge über dem Herzen. Auf den ersten Blick gefällt dir dieser kantig raue Wiking-Style.
Doch Thor Steinar ist keine Marke wie jede andere. Die Marke, die vom Königs-Wusterhausener Neonazi Axel Kopelke eingetragen wurde, versucht mit eindeutig zweideutigen Abbildungen gezielt den Käufer zu verarschen und ihn für die Verbreitung rechten Gedankenguts zu nutzen. Das diese Zweideutigkeit kein Zufall ist, zeigen schon der Name und das Logo der Marke. Thor Steinar bezieht sich in seiner Namensgebung auf den gemanischen Donnergott „Thor“ und den Waffen-SS-General Felix M.J. Steinar und bedient somit nationalsozialistsiche und in der Nazisszene beliebte völkisch-germanische Bezüge. Zudem lassen sich im alten wie im neuen Steinar-Logo verschiedene von SS-Divisionen genutzte Runen finden.
Und das ist nur der Anfang: Eine der beliebtesten „Thor Steinar“-Jacken trägt die Aufschrift „Nordmark“. Zwar bezeichnet das eine Region in Norwegen, doch bei genauer Recherche stellt man fest, das dies auch der Name eines NS-Arbeitslagers bei Kiel war.
Ebenso lehnt sich Thor Steinar an die deutschen Verbrechen der Kaiserzeit an. So werden durch Motive mit der Aufschrift „Ein Platz an der Sonne“, ein Slogan den schon Bernhard von Bülow in der Reichstagsdebatte prägte, beispielsweise die Massenmorde an 75.000 Menschen der Nama- und Hereroethnien legitimiert und deutsche Weltmachtsphantasien propagiert. Motive, die Maschinengewehre zeigen und mit Schriftzügen wie „Waidmanns Heil“ oder „Hausbesuche“, so wie die Shirts mit der Aufschrift „kontaktfreudig“ (mit Blutspritzern versehen) propagieren Gewalttätigkeit und legen den Gedanken an Menschenjagd nahe.
All denen, die die Diskussion um „Thor Steinar“, weiterhin für irgendwelchen „Antifa-Spinnerkram“ halten, sei gesagt das die Marke aufgrund dieser Anspielungen in mehreren Fußballstadien (u.a. bei Hertha und St. Pauli), dem Bundestag und einigen Schulen verboten ist.
Denn das Ziel von „Thor Steinar“ ist es, den Neonazis das Abstreifen des Schläger-Images und das Aufsetzen der netten bürgerlichen Maske zu ermöglichen, da sich unter dieser Tarnung rassistische und faschistische Inhalte wesentlich leichter vermitteln lassen und so die „Modernisierung“ der Neonaziszene gefördert wird.
Wer keinen Bock hat, sich von Nazis benutzen zu lassen, sollte also am besten die „Thor Steinar“-Klamotten im Schrank hängen lassen oder gar nicht erst kaufen.

Jugendantifa Nord

Lernen was man will

Demokratische Schulen als Alternative zur Lernfabrik

Erschienen in der ersten Ausgabe von “Klassen-Kampf” (März 2009) auf Seite 3.

An herkömmlichen Schulen wird den Kindern und Jugendlichen größtenteils vorgeschrieben, was sie wann wie zu lernen und haben. Mitbestimmung gibt es faktisch fast gar nicht. Weltweit einige Dutzend Demokratischen Schulen z.B. in den USA, Israel, Großbritannien oder den Niederlanden beweisen, dass es auch ganz anders geht. In Deutschland gibt es seit wenigen Jahren auch einzelne Demokratische Schulen in Leipzig, Freiburg und Berlin.

Lernfreiheit:
In einer Demokratischen Schule ist die Achtung der Grundrechte der Schüler oberstes Gebot. Dazu gehören neben der Meinungsfreiheit die freie Entfaltung der Persönlichkeit und die allgemeine Handlungsfreiheit. Das heißt, Schüler jeden Alters können im wesentlichen tun und lassen, was sie wollen, solange sie damit nicht die Rechte der anderen Schulmitglieder verletzen. Welche Dinge die Schüler lernen, ist allein ihre freie Entscheidung.
Die Grundannahme ist, dass Menschen von Natur aus neugierig sind und lernen wollen. Aber das heißt nicht, dass sie gerade das lernen wollen, was im staatlichen Lehrplan steht, oder zumindest nicht in einer vorgegebenen Reihenfolge und Geschwindigkeit.

Unterricht:
Der Stellenwert von Unterricht und Lehrplänen ist sehr unterschiedlich. In einigen Schulen wird Unterricht gemäß des staatlichen Lehrplans angeboten, aber die Schüler entscheiden selbst, ob sie diesen Unterricht besuchen. In vielen dieser Schulen werden außer diesen herkömmlichen Inhalten weitere angeboten. Die Initiative dazu kann von Schülern oder Lehrern ausgehen. In einigen Schulen wird das Unterrichtsangebot vor Beginn des Schuljahres durch ein Komitee aus Schülern und Lehrern gemeinsam aufgestellt. In Sudbury-Schulen gibt es Unterrichtskurse nur auf Initiative von Schülern.
Ein Großteil des Lernens an Demokratischen Schulen ist informell und findet daher außerhalb von Unterrichtskursen statt.

Lernmotivation:
Kinder wollen die Welt, die sie umgibt, begreifen. Was auch immer Menschen lernen – am effektivsten lernen sie, wenn ihnen das zu Lernende bedeutend erscheint. Dinge, die sie nicht interessieren, vergessen sie schnell wieder. Entscheidend für erfolgreiches und langanhaltendes Lernen ist eine eigene Motivation. Sie beschleunigt das Lernen erheblich: sobald jemand sich entschlossen hat, eine Sache zu lernen, benötigt er dafür oft nur einen Bruchteil der in herkömmlichen Schulen üblichen Zeit.
Es macht wenig Sinn, alles Mögliche auf Vorrat zu lernen. Bei der riesigen und immer größer werdenden Menge an verfügbarem Wissen wäre das auch gar nicht möglich. Man kann Dinge dann lernen, wenn absehbar ist, dass man sie braucht.

Lesen lernen:
Grundfertigkeiten wie Lesen und Schreiben werden – zurecht – überall in der Gesellschaft für so wichtig gehalten, weil sie aus dem Lebensalltag kaum wegzudenken sind. Doch gerade deshalb sind auch Kinder z.B. ständig mit Geschriebenem konfrontiert: Wenn man als junger, neugieriger Mensch überall Zeichen sieht, die für einen wie Unsinn aussehen, die aber jeder um einen herum versteht – würde man es dann nicht auch können wollen? Schließlich kann man dann Comics, Hinweisschilderund Bücher selbst lesen und ist weniger abhängig von anderen.
Der Wunsch, lesen zu können, tritt aber nicht bei jedem Menschen mit genau 6 Jahren auf, sondern bei manchen vielleicht erst mit 9 oder 10 Jahren. Aber sobald Kinder von sich aus Lesen und Schreiben gelernt haben, merkt man ihnen nicht an, in welchem Alter sie es gelernt haben.

Altersmischung:
An Demokratischen Schulen gibt es keine starre Einteilung der Schüler in Klassen oder Klassenstufen, da die Schüler sich zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrem Leben mit bestimmten Inhalten befassen. Schüler finden sich aufgrund eines gemeinsamen Interesses an einer Sache zusammen – und nicht, weil sie das gleiche Alter haben. So können Schüler unterschiedlichen Alters von und miteinander lernen. Oft ist es für Schüler leichter, von wenig älteren Schülern zu lernen, die ihnen zwar auf dem konkreten Gebiet ein ganzes Stück voraus sind, aber in anderen Gebieten mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben wie sie selbst. Gleichzeitig profitiert auch der erfahrenere Schüler, indem er beim Erklären herausfindet, inwieweit er es selbst schon verstanden hat.

Mitarbeiter:
Die Erwachsenen heißen an vielen Demokratischen Schulen nicht „Lehrer“, sondern „Mitarbeiter“, weil das Lehren nicht unbedingt im Mittelpunkt steht. Mitarbeiter sind eher Lernbegleiter und Ansprechpartner für die Schüler. Sie stehen nicht über den Schülern, sondern auf einer Ebene.
unerwünschte Bewertung: Zensuren, Zeugnisse und andere vom Schüler nicht selbst eingeforderte Bewertungen gibt es an Demokratischen Schulen meist nicht. In vielen Demokratischen Schulen ist es jedoch möglich, an den zentralen staatlichen Abschlussprüfungen teilzunehmen. Die Erfahrung zeigt, dass das den Schülern nicht sonderlich schwer fällt.

Schulversammlung:
Das zweite herausragende Merkmal Demokratischer Schulen sind demokratische Strukturen: Es gibt eine wöchentliche Schulversammlung, in der jeder Schüler und Mitarbeiter eine gleichwertige Stimme hat. Da es an allen Schulen deutlich mehr Schüler als Mitarbeiter gibt, sind die Schüler meist in der Mehrheit.
Die Schulversammlung entscheidet in erster Linie über die Regeln, die an der Schule gelten sowie über organisatorische Alltagsfragen. An einigen Schulen entscheidet die Schulversammlung auch darüber, welche Mitarbeiter neu eingestellt oder ggf. auch wieder entlassen werden.

Durchsetzung der Regeln:
Für Beschwerden über Regelverletzungen, z.B. die Verletzung der Rechte des Einzelnen, kann man sich in den meisten Demokratischen Schulen an ein Rechtskomitee wenden. Dieses arbeitet nach rechtsstaatlichen Prinzipien, beachtet also u.a. dem Grundsatz, dass man für eine Handlung nur belangt werden kann, wenn man sie entweder selbst einräumt oder sie tatsächlich nachgewiesen worden ist. In manchen Schulen gibt es neben dem Rechtskomitee Mediationsverfahren zur Schreitschlichtung.
In Demokratischen Schulen wird das Erleben von Freiheit und Demokratie unmittelbar in der Gegenwart erlebbar.

KrätZa

Wir bleiben Alle

Der Kampf gegen Sozialkürzungen im Berliner Nordosten

Erschienen in der ersten Ausgabe von “Klassen-Kampf” (März 2009) auf Seite 3.

Mitte November 2008 wurde bekannt gegeben, dass für 47 Kinder- und Jugend- und Sozialeinrichtungen im Großbezirk Pankow mit Beginn des Jahres 2009 durch die anstehenden Haushaltssperre keine Förderung mehr möglich sei. Von der Haushaltssperre, die der Bezirk aufgrund einer Vorlage des Senats beschlossen hat, sind Jugendfreizeiteinrichtungen, Abenteuerspielplätze, Kinderbauernhöfe, Schülerclubs, Schulstationen, Jugendsozialarbeit etc. in ganz Pankow betroffen. Diese werden zurzeit von rund 3.000 Jugendlichen und Kindern genutzt. Die Verschuldung des Bezirks, die sich derzeit auf ca. 32 Millionen Euro beläuft, entstand in den Jahren 2002 und 2005. Pankow verschuldete sich damals mit rund 27 Millionen, da die Ausgaben für Sozialleistungen, für „Bedürftige“, vom Senat nicht wie erwartet zurückerstattet wurden. Als Antwort auf die Kürzungspläne formierte sich Mitte November 2008 das „Pankower Aktionsbündnis für Kinder und Jugendliche“ (PAKJ), an dem sich alle betroffenen Einrichtungen beteiligen und das durch viele Menschen im Bezirk unterstützt wird, so auch durch uns. In den folgenden Wochen waren VertreterInnen des PAKJ auf einer Vielzahl an offiziellen Empfängen, Ausschusssitzungen usw. anwesend, um Präsenz für unser Anliegen, nämlich die Verhinderung der Schließungen, zu zeigen. Außerdem wurde eine Mobilisierung in Gang gesetzt, die von vielen Eltern und Jugendlichen mitgetragen wurde.
So gaben rund 20.000 Menschen im Rahmen einer breit angelegten Unterschriftensammlung ihre Unterschrift gegen die Kürzungspläne ab. Der Aufforderung, ihrem Unmut über die Pläne u.a. telefonisch Luft zu machen, kamen viele Menschen, vor allem Eltern, nach und sorgten damit für viel Missmut und den notwendigen Druck bei den Behörden. Außerdem gingen unter dem Motto „Wir stellen uns quer. Hände Weg von den Kinder-, Jugend- und Sozialeinrichtungen!“ am 10. Dezember 600 bis 800 Menschen auf die Straße. An dem Tag sollte der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses über den weiteren Verbleib der Finanzierung der Pankower Einrichtungen entscheiden. Außerdem fand am selben Tag eine „aktuelle Stunde“ in der BVV-Sitzung statt, die die Finanzierung der Freien Träger und damit der Kinder-, Jugend- und Sozialeinrichtungen zum Gegenstand hatte.
Durch den aufgebauten Druck konnte ein Teilerfolg errungen werden, so dass kurz vor Ablauf des letzten Jahres die bedrohten Einrichtungen ihre Zuwendungsbescheide vom Bezirk erhielten. Da die Finanzierung aber nur bis zum 30. Juni bewilligt wurde, ist es wichtig, weiterzukämpfen. Das „Pankower Aktionsbündnis für Kinder und Jugendliche“ plant darum eine längerfristig angelegte Kampagne für den Erhalt der Freien Träger und einen Ausbau von Angeboten für Kinder und Jugendliche in strukturschwachen Gegenden. Es liegt also an uns allen, die Einrichtungen im sozialen sowie im Kinder- und Jugendbereich zu unterstützen.
Als North East Antifascists veranstalten wir jeden 1. Donnerstag im Monat einen Info-Abend in der Bunten Kuh (Weißensee), die ebenfalls von den Schließungen bedroht ist. Wir unterstützen den Protest gegen die Kürzungen nicht nur aus Betroffenheit, sondern weil wir es grundsätzlich richtig und wichtig finden, sich gegen die derzeitigen sozialen Einschnitte zu wehren. Um dieses Anliegen zu unterstützen, erarbeiten wir zurzeit ein Info-Heft, das über die Kürzungen im Bezirk informiert.

Weitere Infos:
www.pankow-in-aktion.de
www.nea.antifa.de

Blechen für Bildung

Studiengebühren, Bologna und die Umstrukturierung der Universitäten

Erschienen in der ersten Ausgabe von “Klassen-Kampf” (März 2009) auf Seite 5.

Seit über zehn Jahren findet an Fachhochschulen und Universitäten ein massiver Umbauprozess statt. Dieser betrifft nicht nur die Hochschulen der Bundesrepublik. Es handelt sich um ein europäisches Projekt. Der Name „Bologna-Prozess“ geht dabei auf eine Erklärung zurück, die von den BildungsministerInnen der europäischen Staaten 1999 abgegeben wurde.
Hinter blumigen Lippenbekenntnissen zu einem „Europa des Wissens“ verbirgt sich allerdings ein knallhartes neoliberales Umstrukturierungsprojekt, mit dem das Bildungssystem weiter den Bedürfnissen der Wirtschaft angepasst werden soll.
Der vor zehn Jahren eingeleitete Reformprozess bescherte uns ein Studienmodell aus gestaffelten Bachelor- und Masterabschlüssen, durch die Internationalisierung und Flexibilisierung endlich Realität werden sollten. Es ist ganz klar, in welche Richtung diese Entwicklung geht: Die Hochschulen werden an der Marktlogik ausgerichtet und verändern sich dabei zu Dienstleistungsunternehmen. Studierende leiden zunehmend unter Konkurrenzdruck, Zukunftsangst und Überforderung. Überfüllte Studienpläne, Prüfungswahn sowie mangelndes Verständnis für die soziale Situation von Studierenden machen die Forderung nach einer demokratischen Gesellschaft zu einer Farce.
Dabei ist schon vollkommen klar, dass die „Reformen“ gescheitert sind. Der Mainzer Theologe Marius Reiser räumt aufgrund der Zumutungen des Bologna-Prozesses zum Ende des Wintersemesters gar seinen Lehrstuhl und urteilt, dass „die Universitäten sang- und klanglos ihrer Selbstauflösung entgegenarbeiten.“ Währenddessen lässt sich Dieter Lenzen, Präsident der FU, völlig ungeniert von der Financial Times Deutschland und dem wirtschaftsnahen Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmannstiftung zum „Hochschulmanager des Jahres“ küren und zeigt damit, wo seine Loyalitäten liegen.
Die wenigen und knapper werdenden Ressourcen werden von zunehmend selbstherrlich agierenden Uni-Präsidien in die Ausarbeitung von Kontrollinstrumente gesteckt. Das bewusstlose Vor-sich-hin-reformieren in allen Bereichen täuscht dabei darüber hinweg, dass die eigentlichen Probleme wie z.B. das miserable Betreuungsverhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden, nicht angegangen werden.
Die Berliner Universitäten sind trotz aller Rhetorik von „Exzellenz“ seit Jahrzehnten chronisch unterfinanziert: 100.000 Studierenden stehen derzeit 78.000 ausfinanzierte Studienplätze gegenüber. Die Studierenden bezahlen das Kaputtgespare der Politik mit deutlichen Einschränkungen bei den Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb des Studiums. Statt eigene Schwerpunkte setzen zu können, werden in „modularisierten Studiengängen“ vorbestimmte Inhalte wiedergekäut. Auch der Wechsel ins Ausland ist – entgegen der erklärten Zielsetzungen des Bologna-Prozesses – deutlich verkompliziert worden. Gegenwärtig ist sogar unklar, ob ein Umzug innerhalb Deutschlands möglich ist. Die vielen Prüfungen machen das Studieren für viele komplett unmöglich. Eine große Studie zum Thema an der Humboldt-Uni ergab: „kaum eines der Ziele der Studienreformen [wurde] erreicht. Weder sehen die Studierenden ihr Studium als flexibel genug an, noch vertrauen sie auf die Berufsqualifikation des Bachelor. [...] Die Zugangsbeschränkung zum Master wird als Bedrohung bezüglich der eigenen Zukunft wahrgenommen. Mangelnde Betreuung, hoher Arbeitsaufwand und sehr starre Studienverlaufspläne erschweren insbesondere Studierenden, die auf Erwerbsarbeit angewiesen sind, Kinder haben oder chronisch krank sind, das Studium. Die soziale Lage der Studierenden droht mehr als zuvor über den individuellen Studienerfolg zu entscheiden. Diese Befunde sind [...] struktureller Natur.“
Neben dem Bologna-Prozess sind die in vielen Bundesländern bereits eingeführten Studiengebühren eine der Hauptursachen dafür, dass die Universitäten mehr und mehr zu Orten werden, an denen sich die gesellschaftliche Elite aus sich selbst rekrutiert. Nicht ohne Grund beginnen 83% der Akademiker-Kinder ein Studium während die Zahl bei Kindern von Nichtakademikern bei 23 liegt. Nach dem selektiven mehrgliedrigen Schulsystem setzt sich das Aussieben an den Universitäten ungebremst fort. Denn die Gebühren von meist etwa 500 Euro pro Semester kann nur zahlen, wer ein finanzstarkes Elternhaus im Rücken hat, vor allem weil aufgrund der Stoffverdichtung kaum noch Zeit zum jobben ist.
Dieser Angriff auf die (relative) Autonomie des Studiums erfolgt in einer Zeit, in der auch ein Uni-Abschluss keine Garantie auf einen festen Job mehr verspricht. AbsolventInnen hangeln sich von Praktikum zu Praktikum, von Projektstelle zu Projektstelle und kann sich dabei von sämtlichen sozialen Sicherheiten verabschieden, die für frühere Generationen selbstverständlich waren.
Mit der zunehmenden sozialen Ausgrenzung und der Verweigerung gesellschaftlicher Teilhabe wachsen aber auch Protest- und Widerstandsbewegungen in ganz Europa: In Italien befinden sich derzeit Universitäten im Streik, die gemeinsam mit Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Gruppen gegen die Zusammenstreichung und Privatisierung des Bildungssystems durch die faschistoide Berlusconi-Regierung Widerstand leisten. Die Zeit ist gekommen, auch hier der neoliberalen Spar- und Umverteilungspolitik offensiv entgegenzutreten und für gesellschaftliche Veränderung zu kämpfen.

Arbeitskreis Hochschulpolitik an der HU Berlin

Schluss mit dem Unterrichtsausfall!

Erschienen in der ersten Ausgabe von “Klassen-Kampf” (März 2009) auf Seite 5.

Seit mehreren Jahren weisen Statistiken kontinuierlich einen durchschnittlichen Vertretungsbedarf von 10% aus. Fehlt ein Lehrer langfristig vergehen oft Monate bis Ersatz kommt und es wird unmöglich den Lehrplan zu erfüllen.
Die Folgen sind, dass weniger Wissen vermittelt wird. Der Ausfall ist besonders schlimm, wenn die Schüler vor Klassenarbeiten oder zentralen Prüfungen stehen, denn dort wird auf die Ausfälle keine Rücksicht genommen. Vor allem Schüler aus einkommensschwachen Haushalten sind betroffen, denn sie können Unterrichtsausfall nicht durch private Nachhilfe ausgleichen.
Auch die Qualität des Unterrichts leidet, da Vertretungen den Unterricht nicht genau so weiterführen können. Und wenn dann auch noch Lehrer in Rente gehen und vom Senat nicht durch Neue ersetzt werden, bedeutet das entweder eine weitere Arbeitszeitverlängerung für die Lehrer, oder den Wegfall von Unterrichtsangeboten für die Schüler.
Bildungssenator Zöllner (SPD) sieht das allerdings anders. Er verschließt die Augen vor den zahlreichen Statistiken und Erfahrungsberichten der Lehrer und Schüler und verordnet Unterricht am Limit. Mit einer Schulreform vor einigen Jahren wurden alle Schulen nur noch mit 100% Lehrern ausgestattet. Zusätzlich erhalten alle Schulen 3% der Personalkosten um eigenen Vertretungsunterricht zu für alle fehlenden Lehrer zu organisieren. Da die Ausfallquote durchschnittlich nicht 3% sondern 10% beträgt, geht Zöllners Rechnung nicht auf und die Schulen sind noch immer nicht in der Lage, den Unterrichtsausfall auszugleichen. Abgesehen davon stellt es die Schulleitungen vor große Probleme, innerhalb von kürzester Zeit einen neuen Lehrer zu finden. durch ständig wechselnde Vertretungslehrer sinkt außerdem die Qualität des Unterrichts, da diese keine Chance haben bei unbekannten Schülern ausreichend auf Stärken und Schwächen einzugehen.

SDAJ

Die Schülerdatei

Auf dem Weg zum gläsernen Schüler

Erschienen in der ersten Ausgabe von “Klassen-Kampf” (März 2009) auf Seite 6.

Am 19.Februar setzten 108 Abgeordnete von CDU, SPD und LINKE eines der am härtesten umkämpften Überwachungsgesetze trotz 33 Gegenstimmen durch. Es geht um die sogenannte „Schülerdatei“. Nach den Plänen der Regierungskoalition sollen alle berliner SchülerInnen in einer zentralen Datei erfasst werden. Auf den ersten Blick klingt das nicht besonders bedrohlich, wenn auch vollkommen unnötig. Brisant ist allerdings, dass nicht nur die Namen aller Schülerinnen und Schüler, sondern auch 15 weitere Informationen gespeichert werden sollen, unter anderem über Nachhilfeunterricht, Migrationshintergrund und den sozialen Stand der Eltern.

Bildungssenator Zöllner begründete die Notwendigkeit einer solchen Datei mit den fehlenden LehrerInnen. Während er sich in den vergangenen Jahren wegen angeblich fehlendem Geld weigerte, auf die Forderungen von Tausenden Streikenden nach mehr Lehrerinnen und Lehrern für kleinere Klassen einzugehen, sind nun offenbar 22 Mio. Euro vorhanden, um alle Berliner SchülerInnen zu nummerieren und zu normieren ohne die Bildung auch nur im Ansatz zu verbessern.

Hinzu kommt, dass die Schülerdatei faktisch nichts an den bisherigen Planungsschwierigkeiten ändern wird. Das Problem liegt nämlich darin, dass Schulwechsler meistens bei mehreren Schulen anfragen (sogenannte Doppelanmeldungen), die Schulverwaltung aber erst am ersten Schultag erfährt, für welche Schule sie sich entschieden haben. Selbst wenn die Senatsverwaltung für Bildung in den Sommerferien jedem doppelt angemeldeten Schüler hinterher telefonieren würde, wäre das keine Lösung, denn die Verteilung der LehrerInnen beginnt bereits 3 Monate vor Schuljahresende.

Tatsächlich ist das Ziel der Schülerdatei auch ganz sicher nicht, die Schule für SchülerInnen erträglicher zu gestalten. Wie das geht haben schließlich am 12. November 2008 weit über 100.000 Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland klar gemacht. Im Fall der Schülerdatei macht ein Zitat der Justizsenatorin Gisela von der Aue deutlich, worum es eigentlich geht: „Diese Schülerdatei ist eines der wichtigsten Mittel, um effektiv gegen Schulschwänzer und junge Straftäter vorzugehen. Wir können nicht länger darauf warten.“ Während die Schülerdatei der Polizei allerdings bei Straftaten keine neuen Befugnisse oder relevanten Daten zur Verfügung stellt, hat sie durchaus Auswirkungen auf den Umgang mit Schulschwänzern. Die Informationen hierüber sollen nämlich nicht nur mitgespeichert werden, sondern auch direkt der Polizei zugänglich sein. In Zukunft sollen also nicht mehr LehrerInnen und Eltern über den Umgang mit Schulschwänzern entscheiden, sondern verstärkt die Polizei selbstständig einschreiten und die Schulpflicht mit Gewalt durchsetzen können. Es ist ganz klar, dass damit die eigentlichen Probleme der Schülerinnen und Schüler wie die Perspektivlosigkeit insbesondere an Hauptschulen, der Leistungsdruck und die autoritäre Struktur nicht verändert wird, sondern nur einige Folgen auf brutale Weise angegangen werden.

Außerdem ist als Folge der Schülerdatei zu erwarten, dass es für Menschen ohne Aufenthaltstitel, sogenannte „illegale“, noch schwieriger und riskanter wird ihr Menschenrecht auf Bildung wahrzunehmen (mehr zum Thema auf Seite 2). Die Einführung einer vergleichbaren, wenn auch umfangreicheren, Kartei in Hamburg hatte sogar die Abschiebung von Jugendlichen zur Folge!

Die in der gesamten Gesellschaft immer weiter zunehmende Überwachung einer Politik, die jeden noch so kleinen Regelverstoß gegen ihre Gesetze immer martialischer bestraft, soll nun auch an Berlins Schulen Einzug erhalten. Genauso ist aber auch der Widerstand gegen eben diese Überwachungspläne in den Schulen angekommen. Am 25.02. demonstrierten trotz der sehr kurzfristigen Mobilisierung Hunderte Schülerinnen und Schüler für die sofortige Rücknahme des Gesetzes. Zwar ist es fraglich, ob diese Forderung durchgesetzt werden kann, allerdings gibt es auch andere Möglichkeiten, Sand ins Getriebe zu streuen: Der Chaos Computer Club (CCC) hat einen Aufruf gestartet, per Brief der Schule die Weitergabe der eigenen Daten formlos zu verbieten. Das hat keine negativen Folgen und ist für die Schule verbindlich.

Weitere Infos:

www.schuelerdatei-berlin.de
www.ccc.de

Gusto Sakev

Do & Fr: Regelmäßige Treffen

SchülerInnen-Initiative “Bildungsblockaden einreißen!”:
Jeden Donnerstag um 17:30 im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg in der Frankfurter Allee 35-37 (U Samariterstr.) im Raum 3104 (Eingang der VHS).

Bündnis schulaction:
Jeden Freitag um 16:30 Uhr im SO69 (Sonnenburgerstr. 69; S+U Schönhauser Allee).

CCC ruft zum Boykott der Schülerdatei auf

Anlässlich der Einführung der Schülerdatei hat der Chaos Computer Club (CCC) zu einem Datenboykott aufgerufen. Mit einem formlosen Schreiben kann jede Schülerin und jeder Schüler der Schule verbieten, für die Schülerdatei Daten zu speichern, weiterzugeben oder zu verarbeiten. Dieses Verbot ist verbindlich und kann nicht einfach so umgangen werden. Und selbst wenn am Ende ein Gericht zugunsten der Bildungsverwaltung entscheidet, kann man mit diesem Boykott nicht nur symbolisch seinen Protest verdeutlichen, sondern auch Sand ins Getriebe der Datensammel- und Überwachungswut der Politik streuen.

Boykottiert die Schülerdatei!